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Wirklichkeit wahrnehmen
Die Philosophie der alchymia-Dyaden

Was geschieht eigentlich, wenn zwei Menschen einander wirklich begegnen?
 

Das scheint eine einfache Frage zu sein und zunächst leicht zu beantworten – und doch, wer ihr auf den Grund geht, wird bald überrascht: Dieser Grund ist durchsichtig und erlaubt erstaunliche Einblicke. Denn was in der Begegnung begegnet, erweist sich als unerwartet reichhaltig, tiefgründig, ungewohnt und fast gefährlich, in seiner Androhung, es könne einen selbst betreffen – und am Ende in medias res führen, nämlich in die Frage, was das überhaupt ist, dieses Ich, das dem Du begegnet?

Wenn du Dyaden-Arbeit erlebt hast, ist es Dir vielleicht nicht ganz unbekannt: du schaust dein Gegenüber offen an, du siehst ihn und er sieht dich, du kennst ihn und er kennt dich – und mit einem Mal wird mitten in diesem Altbekannten ein Unbekanntes erahnbar, überraschend neu und fremd. Das gewohnte Erkennen stockt. Du spürst, da ist noch etwas. Es ist weit, tief, wichtig, fremd – und es lässt sich nicht fassen.

Diese Erfahrung, dass in der Begegnung mit dem Du eine andere Seinsebene spürbar werden kann, ist völlig banal. Jeder, der einmal verliebt war, kennt sie – und weiß, wie schwer sie zu halten ist.

Aber auch ernste Denker und Philosopen haben sich über Jahrhunderte hinweg mit genau dieser Frage beschäftigt: „Was nehme ich wirklich wahr, wenn ich einen anderen Menschen wahrnehme?“ – nicht um die Frage in einer Antwort aufzulösen, sondern um schärfer hinzuschauen, was dort eigentlich geschieht, wenn ein Mensch einem anderen wirklich begegnet und beginnt, ihn zu erkennen.

Dieses Arbeitsblatt lädt dich ein, einige Gedanken von ihnen kennenzulernen. Nicht als trockene Theorie, sondern als Illustration für das, was du in den Dyaden vielleicht selbst schon erfahren hast – und vielleicht als Einladung, es beim nächsten Mal noch bewusster zu erleben – im Wissen „Aha, das ist es!“

Was ist Wirklichkeit - eine frühe Ahnung

Ich habe vor vielen Jahren die Dyaden-Arbeit aus meinem ganz eigenen Modell der Welt und des menschlichen Bewusstsein heraus entwickelt. Und ich konnte mir lange nicht vorstellen, im festgemauerten  akademischen System irgendeinen Beitrag zu meinem Weltmodell zu finden. Erst spät und nach und nach entdeckte ich, dass sich Jahrhunderte von Denkern genau mit meinen Fragen beschäftigt haben – und ich fand vieles aus meinem eigenen Modell wieder, fand es bestätigt und konnte es erweitern.

In meinem eigenen Modell der Wirklichkeit schlug sich die Ahnung und Erfahrung nieder von der Begrenzung unserer Möglichkeiten, Wirklichkeit zu erkennen. Dass nämlich unsere Wahrnehmung die Wirklichkeit herunterbricht in eine alltägliche Raum-Zeit-Wirklichkeit, die unser Verstand perfekt handhaben kann – die aber  nur ein sehr kleiner Ausschnitt einer größeren Wirklichkeit ist, in die sie eingebettet ist. Und nicht erkennbar zu sein und sich dem Verstand zu entziehen ist gerade das Wesen dieser größeren Wirklichkeit.

Ich erkannte: Um mit dieser nicht-erkennbaren Wirklichkeit in Beziehung zu treten, braucht es Mut: den Mut, sich mit dem ganzen Sein darauf einzulassen – mit den Sinnen, mit dem Leib und mit einer Fähigkeit, die über das begriffliche Denken hinausgeht. Und immer deutlicher wurde mir auch dieses eigentümliche Prinzip: Jeder Versuch, dieses Größere, Nicht-Erkennbare mit gewohnten Begriffen und Bildern zu fassen oder ihm einen Namen zu geben, landet unweigerlich im Off.

Ich sah in meinem Modell die Welt der alltäglichen Erscheinungen als eine Manifestation des göttlichen Grundes – und das erkannte Bild, vor allem das Gegenüber der Dyade, war beides zugleich: Die Verschleierung dieses Grundes und das Fenster zu diesem Grund. Projektion und Offenbarung. Illusion und Wirklichkeit. In meinem Wahrnehmen des anderen verbirgt sich seine Wirklichkeit hinter dem Schleier der Projektion – und zugleich kann sich im Wahrnehmen des anderen der göttliche Grund offenbaren.

Ich habe die Philosophie erst spät entdeckt und begonnen, sie als eine Heimat meiner Fragen und Gedanken zu fühlen. Ich habe begriffen, dass hier die Menschen sind und waren, die seit Urzeiten mit genau meinen Fragen ringen. Ich habe begonnen, mich mit ihren Gedanken zu beschäftigen und sehe mit Erstaunen, dass mein Weltbild sich oft verblüffend genau mit einigen bedeutenden Denklinien der Philosophie berührt.

Die Grenze des Verstandes — Immanuel Kant

Am Anfang der neuzeitlichen Philosophie steht eine Entdeckung, die bis heute nachwirkt. Immanuel Kant erkannte, dass unser Verstand die Welt nicht einfach abbildet wie ein Spiegel, sondern sie aktiv formt: durch seine Vorstellung von Raum und Zeit und durch feste Denkmuster, die er „Kategorien“ nennt. Was wir wahrnehmen, ist deshalb nie „das Ding an sich“ – die Sache, wie sie unabhängig von uns ist –, sondern immer schon „die Sache, wie sie uns erscheint“. Wir nehmen nur Erscheinungen wahr, niemals die Wirklichkeit an sich.

Das ist keine bedauerliche Schwäche unseres Denkens, die man mit mehr Anstrengung beheben könnte. Es ist, so Kant, die Grundverfassung des menschlichen Erkennens selbst. Das Ding an sich bleibt notwendig unerkennbar – nicht, weil wir zu wenig wissen, sondern weil jedes Erkennen es sofort wieder in eine Erscheinung verwandelt.

Übertragen auf die Begegnung: Auch der Mensch, der mir in der Dyade gegenübersitzt, ist in diesem tiefen Sinn nie vollständig „erfassbar“. Was ich von ihm erkenne, ist immer schon durch meine eigenen Formen und Muster geprägt – ich erkenne nie restlos das Gegenüber selbst. Diese Grenze ist kein Mangel der Begegnung. Sie ist ihre Bedingung. Erst weil der andere sich mir nie ganz erschließt, bleibt er ein Du und wird nicht zu einem Gegenstand, den ich fertig kenne.

Wahrnehmen als Auswahl — Henri Bergson

Der französische Philosoph Henri Bergson stellte eine Vermutung auf den Kopf, die seit Kant fast selbstverständlich schien: dass der Verstand die Wirklichkeit Stück für Stück zu einem Bild zusammenbaut, wie ein Puzzle. Für Bergson ist es genau umgekehrt. Die Wirklichkeit ist von Anfang an übervoll, ein einziges, ungeteiltes Kontinuum – und unser Gehirn ist kein Organ, das ein Bild aufbaut, sondern ein Organ der Auswahl, das aus dieser Fülle nur das herausfiltert, was für unser Handeln nützlich ist.

Der Schriftsteller Aldous Huxley hat dieses Bild später zugespitzt: Gehirn und Nervensystem wirken wie ein „Filter“, das aus einem im Prinzip grenzenlosen Bewusstsein nur den schmalen Ausschnitt durchlässt, den wir zum Überleben brauchen. Was wir gewöhnlich „erkennen“ nennen, ist in diesem Licht eine Reduktion – nichts als ein rasches Einordnen in ein bekanntes Muster, das die Ganzheit dessen, was sich zeigen könnte, von vornherein als etwas Unbekanntes ausblendet.

Für die Dyade heißt das: Im ersten Eindruck, im ersten „Ah, ich weiß, wer das ist“, ist diese Reduktion am Werk – nützlich für den Alltag, aber blind für das, was jenseits des Vertrauten liegt: Das Unbekannte. Hier zu verlangsamen und über den ersten Eindruck hinaus zu bleiben, das ist ein Öffnen des Filters und der Pforten der Wahrnehmung.

Das Übermaß, das uns blendet — Jean-Luc Marion

Der zeitgenössische französische Philosoph Jean-Luc Marion beschreibt eine Erfahrung, die weder bei Kant noch bei Bergson so vorkommt: Es gibt Phänomene, bei denen nicht zu wenig, sondern zu viel gegeben ist. Er nennt sie „gesättigte Phänomene“. Das Bild, das er dafür wählt, ist die Blendung: Nicht, weil zu wenig Licht da ist, sehen wir plötzlich nichts mehr – sondern weil zu viel Licht da ist.

Das Gesicht eines anderen Menschen ist für Marion ein solches gesättigtes Phänomen. Es lässt sich nie als Objekt „fertig“ erfassen, weil sich beim Hinschauen immer mehr Schichten auftun, als der Begriff, den man sich gerade von ihm gemacht hat, fassen kann. Entscheidend dabei: Es ist nicht die Gegebenheit, die versagt – sie ist übervoll. Was versagt, ist unser Begriff, unsere Fähigkeit, das Gegebene wie gewohnt in eine Kategorie zu zwingen.

Marion geht noch einen Schritt weiter, den er die „dritte Reduktion“ nennt: die Rücknahme all dessen, was das erkennende Ich selbst konstituiert, damit sich das Phänomen möglichst ungefiltert zeigen kann. Aber – und das ist für die Praxis der Dyade wichtig – diese Reduktion lässt sich nicht als Technik anwenden. Sobald man sie absichtlich herbeiführen will, ist man schon wieder im konstituierenden, wollenden Ich gefangen und verhindert genau das, worum es geht. Nur die Bedingungen können geschaffen werden – Zeit, Stille, das Zurücknehmen der Benennung – und bereit sein, dass sich das Unerwartete zeigt.

Vor jedem Erkennen:
das Leben, das sich selbst spürt — Michel Henry und Rolf Kühn

Der Phänomenologe Michel Henry geht noch einen Schritt hinter die bisher genannten Denker zurück. Bevor ich den anderen überhaupt als „ein Objekt da draußen“ wahrnehme – bevor ich ihn ansehe, einordne, benenne –, gibt es eine unmittelbarere Schicht: das Leben, das sich selbst spürt, ohne den Umweg über eine Distanz. Henry nennt das Auto-Affektion. Wenn ich Freude oder Schmerz empfinde, betrachte ich das nicht aus der Ferne – ich bin dieses Empfinden, unmittelbar.

Der Philosoph Rolf Kühn, der Henry ins Deutsche übersetzt hat und zugleich ein profunder Kenner Meister Eckharts ist, hat diesen Gedanken auf eine Formel gebracht, die es wert ist, langsam gelesen zu werden: das „originäre Nichtwissen“.

Gemeint ist damit kein Mangel – so, als fehle uns etwas, das wir eigentlich wissen könnten. Gemeint ist eine Nähe, die so unmittelbar ist, dass sie sich dem distanzierenden Blick des Wissens grundsätzlich entzieht. Wissen setzt immer schon eine Kluft zwischen Betrachtendem und Betrachtetem voraus. Die Auto-Affektion des Lebens kennt diese Kluft nicht – und genau deshalb kann sie nicht „gewusst“, sondern nur gelebt werden.

Für die Dyade bedeutet das: In der stillen Begegnung kann die gedachte Distanz zwischen mir und meinem Gegenüber allmählich in den Hintergrund treten, und ich erfahre in mir das begegnende Leben selbst, auf einer unmittelbaren, nicht-distanzierten Ebene.

Die Hand, die sich selbst berührt — Maurice Merleau-Ponty

Maurice Merleau-Ponty fand für all das ein Bild von bestechender Einfachheit: die eigene Hand, die die andere eigene Hand berührt. In diesem Moment bin ich zugleich Berührender und Berührter. Sehen und Gesehenwerden, so seine These, sind keine zwei getrennten Vorgänge, sondern zwei Seiten derselben Struktur – er nennt sie „Fleisch“ (chair). Wer wahrnimmt, ist wahrnehmbar, auch für sich.

Dieses Bild wirft ein besonderes Licht auf einen Moment, den du aus den Dyaden vielleicht kennst: den Übergang, wenn du deine Aufmerksamkeit vom Gegenüber zurück zu dir selbst nimmst – in derselben offenen erwartungsfreien Haltung, mit der du eben noch beim anderen warst. Nach Merleau-Ponty ist das kein zweiter, andersartiger Schritt, sondern dieselbe Bewegung, die sich auf ihre andere Seite wendet. Nicht ein neues Beobachten des eigenen Ich, sondern ein Sich-selbst-Spüren mit derselben Unmittelbarkeit, mit der du eben dem anderen begegnet bist.

Im „dich selbst spüren“ gibt es eine besondere Herausforderung: dich selbst als ein Unbekanntes zu nehmen ist schwierig – und so fehlt dir selbst gegenüber jene natürliche Fremdheit, die beim anderen Gegenüber das Nicht-Greifen-Wollen erleichtert. Das gewohnte Ich meint, sich selbst ohnehin am besten zu kennen – und genau dieses „schon Kennen“ verhindert die Offenheit, die eben noch beim anderen gelang. Dir selbst mit derselben Fremdheit zu begegnen wie dem Gegenüber ist vielleicht die eigentliche Kunst, wenn du die Aufmerksamkeit zurücknimmst zu dir.

Zwischen Ich und Du — Martin Buber

Martin Buber, jüdischer Religionsphilosoph, hat in seinem Werk „Ich und Du“ eine Unterscheidung getroffen, die man kaum treffender formulieren kann. Es gibt zwei Grundhaltungen, mit denen ein Mensch der Welt begegnen kann. Im „Ich-Es“ trete ich einem Gegenstand gegenüber, den ich betrachte, einordne, gebrauche – das ist die Erkenntnisebene, auf der sich Kant, Bergson und Marion im Grunde bewegen. Im „Ich-Du“ dagegen gibt es kein Gegenüber mehr, das ich mir verfügbar mache, sondern eine Beziehung, in der ich selbst erst zum Ich werde. Buber sagt es zugespitzt: Der Mensch wird am Du erst zum Ich.

Diese Begegnung lässt sich nicht durch Wollen herbeiführen. Sie widerfährt – „aus Gnade“, wie Buber schreibt, und wird nicht durch Suchen gefunden. Sobald ich die Begegnung anstrebe, auf sie zusteuere, sie erreichen will, bin ich schon wieder im Ich-Es zurück: Ich mache die Begegnung selbst zu einem Ziel, das ich erreichen möchte, zu einem Es – und verfehle sie eben dadurch.

Zwischen zwei Menschen, die einander wirklich begegnen, entsteht ein „Zwischen“ – ein Raum, der keinem von beiden allein gehört und den auch keiner von beiden allein herstellen kann. Und in diesem Zwischen, so Buber, klingt auch immer das „ewige Du“ mit an: nicht als ein verborgenes Objekt hinter der Begegnung, so wie Kants Ding an sich hinter der Erscheinung, sondern als das, was in jeder wirklichen Begegnung – mit einem Menschen, einem Tier, sogar einem Baum – auf seine Weise mitschwingt.

Ein Punkt liegt Buber dabei besonders am Herzen – und dieser ist gerade für die Arbeit in Dyaden wichtig: Die Zweiheit von Ich und Du löst sich in der Begegnung nicht auf. Buber wandte sich ausdrücklich gegen jede Vorstellung von Verschmelzung. Begegnung ist für ihn nicht das Verschwinden der Getrenntheit, sondern die höchste Weise, als zwei Wesen in Getrenntheit beieinander zu sein.

Was diese Denker gemeinsam haben – und was das für dich bedeutet

Ganz verschiedene Denker, ganz verschiedene Sprachen – und doch läuft ein gemeinsamer Faden durch sie hindurch. Keiner von ihnen bietet eine Technik an, mit der sich echte Begegnung herstellen ließe. Im Gegenteil: Fast alle warnen ausdrücklich davor, das Höhere, das Andere, das Du mit Absicht erreichen zu wollen – denn genau dieses Wollen verwandelt es zurück in ein Objekt, das man besitzt, statt in ein Gegenüber, dem man begegnet.

Was diese Philosophen stattdessen beschreiben, ist eine Haltung: die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen und nicht beim ersten Erkennen stehen zu bleiben. Die Bereitschaft, das Licht auszuhalten und nicht auf ein handhabbares Maß herunterzudimmen. Die Bereitschaft, in der Zweiheit zu bleiben, statt sie aufzulösen.

Was ist „wirkliche“ Begegnung?

Die Überraschung, die du in einer Begegnung erleben kannst, dieser besondere Moment, den keine Erwartung vorwegnehmen konnte, zeigt dir, dass etwas Wirkliches geschehen ist.

Aber was ist wirklich? Auch eine Projektion – wenn du dein unbewusstes eigenes Bild auf den anderen wirfst – fühlt sich an, als habest du den anderen wirklich erkannt, in seinem Wesen – und niemals wie Projektion. Du bist dir sicher: du kannst den anderen sehen, wie er in Wirklichkeit ist. Und die entscheidende Frage braucht Mut: Nehme ich den anderen wahr, wie er ist – oder spiegelt sich mein eigenes unbewusstes Bild in seinem Gesicht? Sehe ich ihn – oder mich?

Es zeigt sich im Danach: Wenn er in einem anderen Augenblick nicht mehr dem Bild entspricht, das du voller Überraschung in ihm sehen konntest – bleibt dann eine Verbundenheit mit ihm bestehen? Du willst natürlich, dass der andere das ist, was du in ihm siehst, denn eine Projektion fühlt sich an wie Erkenntnis, nicht wie Vermutung. Aber was geschieht, wenn du beginnst, wirklich dem anderen zu begegnen und nicht deinem Bild von ihm? Wenn du dein erstaunliches Erlebnis mit ihm, dieses Überraschende, als Einladung nimmst, weiter zu gehen und diese Frage zu erforschen: „Was ist er, dieses Du – und was bin ich?“

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